Vor zehn Jahren erreichte die Vogelgrippe Überlingen

Das weiße Blatt war damals nur in Folie eingeschweißt und mit Kabelbindern am Ortsschild befestigt. Es war nur Makulatur, denn es wusste aus den Nachrichten ohnehin jeder, was passiert war: Vor zehn Jahren, am 24. Februar 2006, wurde bestätigt, dass eine in Überlingen aufgefundene Tafelente an dem Vogelgrippe-Virus H5N1 verendet war, sie hatte sich mit der gefährlichen Asia-Variante infiziert. Neun Tage nach dem Fund rückte damals die Feuerwehr aus und desinfizierte die östliche Promenade vor den Seeschulen. Bilder der Männer in den ABC-Schutzanzügen gingen um die Welt, besser hätte man die Gefahr der Vogelgrippe nicht darstellen können. Dabei sollten die Schutzanzüge nur vor den Dämpfen des Desinfektionsmittels schützen.

Die Vogelgrippe musste damals an den Bodensee kommen, das war klar. Die Vogelgrippe wird von Zugvögeln übertragen, nach dem Ausbruch der Grippe im Jahre 2005 in China war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Zugvögel sie an den Bodensee importieren würden: Im Durchschnitt überwintern am Bodensee 100 000 Zugvögel. Der Bodensee lag damals im Bereich der dritten Ausbreitungswelle, die von Osteuropa über Griechenland kam. Anfang 2006 war es dann soweit, und plötzlich hatte niemand mehr Appetit auf Geflügel und Eier.

„Seit zehn Jahren haben wir kein Geflügel mehr“, sagt Wilfried Möcking. Er hat damals zwar schon vorausschauend reagiert und bereits im Jahr vor dem Ausbruch der Vogelgrippe sein Geflügel reingeholt und in Ställen untergebracht. Aber mit der Einrichtung der Drei-Kilometer-Sperrzone um Überlingen war er dann trotzdem direkt betroffen. Fortan konnte er sein Geflügel nicht mehr auf dem Überlinger Markt anbieten. „Wir haben unsere Geflügelzucht dann aufgegeben.“ Die Aufgabe des Federviehs war die eine Sache, aber wie ging es weiter? „Wir haben uns komplett umgestellt“, erklärt Möcking. Die Räumlichkeiten wurden anders verwendet, in den ehemaligen Stallungen kam die neue Hofbäckerei unter.

Das war eine richtige Entscheidung, wie sich langfristig herausstellen sollte. Denn auch heute noch, zehn Jahre nach Ausbruch der Vogelgrippe, gilt noch die Einstellungspflicht für Geflügel im Bereich von 800 Metern vom Uferbereich des Bodensees – Möckings Hof in Seefelden wäre heute direkt davon betroffen, wenn er noch Geflügel hätte. Stattdessen gibt es heute frisches Möcking-Brot auf dem Überlinger Bauernmarkt.

„Die Vogelgrippe gibt es immer noch“, so die Information von Wolfgang Fiedler von der Vogelwarte in Radolfzell. „Es ist zwar ruhig hier, aber in Südostasien kocht das Thema noch.“ Der Ausbruch der Vogelgrippe basiert nach seinen Worten auf der Geflügelzucht, dem Transport und auch auf den Wildtieren. „Wie das allerdings genau zusammenhängt, ist noch nicht ganz klar.“ Eine Trennung dieser drei Parameter ist schon ein sehr wirksames Mittel. „So wie wir leben, besteht keine Gefahr“, betont er. Auch die „vernünftige Anwendung der Regeln“ stellt eine wirksame Prävention dar, explizit nennt er die 800-Meter-Regelung entlang des Bodenseeufers.

Die betrifft nicht unbedingt den Neuhof von Uwe und Gerhard Plessing in Bambergen hinter Überlingen, der liegt deutlich im Hinterland, weit hinter der 800-Meter-Linie. Vor zehn Jahren hielten sie hauptsächlich Gänse. „Das war kritisch damals“, sagt Gerhard Plessing rückschauend, auch wenn sie damals nicht direkt betroffen waren, da sie nicht auf dem Überlinger Wochenmarkt vertreten waren. Die Plessings sind immer noch Geflügelzüchter, heute halten sie Puten. „Die Vogelgrippe ist für uns heute kein Thema mehr“, betont er. Auch gibt es keine besonderen Vorkehrungen mehr, die sie beachten und umsetzen müssten. Für das Federvieh haben sie schon vor langer Zeit eine Überdachung gebaut. „Unsere Vögel sind die ganze Zeit im Stall oder unter Dach. Von der Seite haben die kein Kontakt zu den Wildtieren“, erläutert Gerhard Plessing. So gesehen sind auch die Maßnahmen auf dem Neuhof ein wirksamer Schutz gegen die Vogelgrippe.

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