Gibt es die Vogelgrippe noch?

Ist die Vogelgrippe ausgestanden? Wer das Risiko dieser Erkrankung einschätzen will, muss die menschliche Unvernunft einkalkulieren.

12 März 2010: Ägypten meldet zwei neue Vogelgrippe-Fälle. Eine der Erkrankten, eine 20-jährige Schwangere, starb an der Infektion. 4. März 2010: Vietnam informiert die WHO über drei neue H5N1-Infektionen. Eine verlief tödlich. Ägypten gibt am gleichen Tag fünf neue Fälle bekannt, einer der Erkrankten, ein 53-Jähriger Mann, stirbt kurze Zeit später. 12. Februar 2010: Indonesien meldet den Tod einer 25-jährigen Frau. Ursache: H5N1. Die Liste ließe sich lang fortsetzen.

Immer noch erkranken Menschen an dem Virus, das 2006 die Welt aufschreckte. Nach wie vor wird die Vogelgrippe so gut wie niemals von Mensch zu Mensch übertragen, nur durch einen engen Kontakt zu Vöglen infizieren sich Menschen mit H5N1. Doch von denen, die sich infizieren, stirbt wie ehedem jeder Zweite bis Dritte.

Doch während die insgesamt 115 Erkrankten vor vier Jahren enorme Panik auslösten, nahm von den 73 Vogelgrippe-Kranken im vergangenen Jahr hierzulande kaum jemand Notiz. Der Grund könnte ein einfacher sein: Deutschland und Europa sind augenscheinlich im Moment vogelgrippe-frei.

Dabei hätte das H5N1-Virus in den vergangenen Monaten gute Bedingungen gehabt, sich zu verbreiten. Der lange Winter ließ auch dieses Jahr Gewässer zufrieren und zwang hungrige und entkräftete Vögel auf engstem Raum zusammen. Die Situation ähnelte der von 2006, als man zuerst tote Schwäne auf Rügen, und bald auch weitere an H5N1 verendete Tiere in anderen deutschen Regionen fand. In diesem Winter aber wurde laut Friedrich-Loeffler-Institut keine einzige Infektion bei einem Wildvogel registriert. Das letzte Mal, dass die Diagnose H5N1 in Deutschland gestellt wurde, liegt ein Jahr zurück: Damals war eine Stockente in Bayern dem Virus erlegen. Auch aus dem Rest Europas wurden so gut wie keine erkrankten Vögel gemeldet. Mehr noch: Weltweit finden die Behörden immer weniger infizierte Wildvögel. Also alles im Abklingen?

Entwarnung will das zuständige Friedrich-Loeffler-Institut nicht geben. Institutsleiter Thomas Mettenleiter schränkt ein: Die Tatsache, dass weniger infizierte Vögel gefunden werden, „heißt nicht, dass das Virus nicht mehr aktiv ist. Einige Arten wilder Wasservögel können offenbar gut mit einer H5N1-Infektion leben, ohne Krankheitssymptome zu zeigen“. Er will nicht ausschließen, dass das Virus noch auf geringem Niveau vorhanden ist, ohne dass wir es bemerken. Die künftige Entwicklung dieser Seuche bleibt damit schwer kalkulierbar. Hinzu kommt aber noch ein weiterer – und noch größerer – Unsicherheitsfaktor: Die Unvernunft der Menschen.

Denn auch Reisende sind es, die permanent riskieren, das Virus einzuschleppen: Obwohl es verboten ist, bringen sie immer wieder Geflügelprodukte aus Vogelgrippegebieten wie Ägypten und Indonesien mit.

Reisende auf dem Weg nach Europa hatten schon lebende Greifvögel im Gepäck. Immer wieder bringen sie zudem rohes Geflügelfleisch, Eier, Federn oder Trophäen aus Hochrisikogebieten ins Land. Allein im Dezember 2009 wurden am Frankfurter Flughafen 550 Kilogramm Lebensmittel beschlagnahmt, ein großer Teil davon Geflügelprodukte. Landen Reste dieser Produkte beispielsweise auf einem deutschen Komposthaufen, können sich auch einheimische Vögel damit anstecken. Passiert ist dies 2007 in Brandenburg. Seitdem gab es noch zweimal Ausbrüche auf deutschen Geflügelhöfen. Zuletzt im Oktober 2008 in Sachsen. Bei jedem dieser Ausbrüche steigt das Risiko, dass Menschen, die auf den Höfen arbeiten oder leben, infiziert werden. Bislang ist dies zum Glück in Europa noch nie geschehen.

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