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Wie Pharmavertreter Ärzte beeinflussen

Medikamente ohne Pharmaindustrie? Unmöglich. Welche Medikamente Ärzte verschreiben, sollten sie aber unabhängig von den Unternehmen entscheiden. Dennoch besuchen Pharmavertreter regelmäßig Arztpraxen, um ihre Produkte zu bewerben. Lassen sich die Mediziner dadurch bei der Entscheidung für oder gegen eine Arznei beeinflussen? ‚Ich nicht‘, würde wohl ein Großteil der Mediziner von sich behaupten.

Dass das nicht stimmt, haben bereits mehrere Studien belegt. 2016 bestätigte etwa das amerikanische Recherchezentrum ProPublica, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Summe, die ein Arzt von Pharmafirmen erhält, und der Menge an teuren Original-Medikamenten, die er verschreibt.

Jetzt dokumentiert eine aktuelle Untersuchung aus den USA, wie sich der Kontakt zwischen Arzt und Arzneimittelhersteller auf die Verschreibungspraxis auswirkt. Seit 2006 haben sich dort verschiedene Universitätskliniken die Regel auferlegt, dass sich behandelnde Ärzte nicht mehr von Pharmareferenten beraten lassen. Jene Arzneien, die von Pharmavertretern beworben wurden, machten vor Einführung der Richtlinie durchschnittlich 19 Prozent aller Verschreibungen eines Mediziners aus, die nicht angepriesenen 14 Prozent.

Ohne Besuche weniger Verschreibungen

Die in der Fachzeitschrift „Jama“ jetzt veröffentlichte Studie belegt, dass sich die Verschreibungszahlen vor und nach Einführung dieser Regularien deutlich unterscheiden.

Für ihre Analyse werteten die Autoren die Verordnungszahlen von acht verschiedenen Medikamentenstoffklassen wie etwa Blutdrucksenkern, Antidepressiva oder Säureblockern aus. Dabei untersuchten sie, wie häufig ein Arzt ein Medikament vor und nach Einführung der Selbstverpflichtung verschrieben hatte. Außerdem verglichen sie die Zahlen mit Verschreibungen von Ärzten an Kliniken, die sich nicht dazu verpflichtet hatten, auf beratende Pharmareferenten zu verzichten.

Das Ergebnis: Bekamen die Ärzte keinen Besuch mehr von Pharmareferenten, verschrieben sie die vormals beworbenen Medikamente messbar seltener als zuvor. Das traf für sechs der acht Medikamentengruppen bei einem Großteil der Kliniken mit Selbstverpflichtung zu. Im Gegensatz dazu veränderten sich die Verschreibungszahlen nur in einer der Kliniken, die keine Hürden für Pharmareferenten implementiert hatten.

In Deutschland gehört es in vielen Arztpraxen, Kreiskrankenhäusern und Universitätskliniken zum Alltag, dass Pharmavertreter empfangen werden, damit sie ihre Produkte bewerben. Der daraus entstehenden Interessenkonflikte sind sich längst nicht alle Mediziner bewusst.

Dass selbst simple Essenseinladung Ärzte beeinflussen, deckte eine Medizinerin an der University of California in San Francisco auf. Mit ihrem Team wertete sie Daten von rund 180.000 Ärzten aus. Bekam ein Arzt eine gesponserte Mahlzeit, erhöhte das die Chance, dass er das Medikament des Sponsors verschreiben würde.