Erste Grippesaison nach der Pandemie

Neue Influenzaviren bedeuten nicht den Untergang, sie stellen aber eine potenzielle Bedrohung dar. Was wir aus der letzten Pandemie lernen können.

Für die Grippe war das Jahr 2009 ein Schicksalsjahr. Zuvor wurden die jährlich vom Bund organisierte Impfkampagne gegen die saisonale Influenza wie auch die Grippewelle selbst als unspektakuläre Ereignisse wahrgenommen. Es gab ein paar gute Gründe für die Impfung und ein paar weniger gute dagegen. Damit war das Thema vom Tisch – bis zur nächsten Grippesaison.

Das ist nun anders. Seit der letztjährigen Pandemie ist die Grippe ein Dauerbrenner. Bei vielen überwiegen noch immer die Kritik und der Spott für das, was im März 2009 in Mexiko seinen Ursprung nahm und innert Kürze in die gesamte Welt verbreitet wurde: das neue, pandemische Influenzavirus vom Typ H1N1, das auch die Schweiz während Monaten im Griff hielt.

Wissenschaftlich basierte Risikoanalyse

Diese Sicht ist nicht fair. Denn sie verkennt die Möglichkeit, dass alles viel schlimmer hätte kommen können. Dass ein solches Szenario kein Gespenst der Phantasie ist, wissen wir spätestens seit dem Auftreten eines anderen Influenzavirus, des Erregers der Vogelgrippe H5N1. Dieser war zu einer viel höheren Letalität befähigt als der Schweinegrippe-Stamm. Sein Handicap und unser Glück war, dass H5N1 praktisch nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Es braucht aber nicht viel Phantasie, um sich einen Hybrid-Erreger vorzustellen, der die beiden gefährlichen Eigenschaften von Schweine- und Vogelgrippevirus in sich vereint.

Die Erfahrungen mit der jüngsten Pandemie zeigen die Schwierigkeiten bei der Beurteilung von neuen Infektionskrankheiten, mit denen Wissenschafter und Behörden zu kämpfen haben. Denn das Risiko eines neuartigen Krankheitserregers wird erst mit zunehmender Zeitdauer abschätzbar. Das war auch bei der Schweinegrippe so. Erst im Verlauf hat sich gezeigt, dass die Letalität der Krankheit am Anfang überschätzt wurde. Ein Grund war, dass das neue Virus schon viel länger in Mexiko zirkulierte, als man angenommen hatte. Bei Bekanntwerden der ersten Todesfälle waren deshalb schon sehr viele Personen angesteckt worden – die meisten unerkannt und ohne Symptome –, was die ursprüngliche Zahl der Todesfälle relativiert.

Zwischen Panikmache und Verharmlosung

In einer derart unsicheren Situation wie dem Beginn einer Pandemie ist es für alle schwierig, den richtigen Weg zwischen unnötiger Panikmache und fataler Verharmlosung zu finden. Denn die beiden Extreme sind die zwei Seiten derselben Medaille, die auf eine potenzielle Bedrohung hinweist. Dass dabei irrationale Ängste freigesetzt werden, die mit sachlichen Argumenten allein nicht vollständig einzudämmen sind, ist aus der Psychologie bekannt. Entscheidungsträger haben in dieser Phase mit besonders viel Kritik und Gegenwind zu rechnen. Denn bei unklarer Faktenlage kann immer so oder anders entschieden werden. Was richtig oder falsch ist, lässt sich erst im Nachhinein sagen.

Den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu einem neuen Krankheitserreger kommt deshalb höchste Priorität zu. Diese garantieren, dass die Entscheidfindung nicht im Nebel des Unwissens stattfinden muss. Was die jüngste Pandemie aber auch gezeigt hat: Es braucht in der Schweiz dringend eine zentrale Steuerung bei der Verteilung des Pandemie-Impfstoffs, und die Zulassung solcher Notfallmedikamente muss mit dem Ausland besser koordiniert werden. Zudem muss im Pandemieplan die starre Koppelung von Pandemie-Phasen und den darin zu ergreifenden Massnahmen aufgebrochen werden.

Wichtig ist schliesslich auch, dass die Behörden nicht nur den worst case vor Augen haben, sondern mehr als bis anhin in Szenarien denken, die auf klaren Risikoanalysen basieren. Diese Risiken gilt es Fachleuten wie Öffentlichkeit zu kommunizieren. Denn die Bevölkerung ist nicht an Beschwichtigungen und plakativen Ermahnungen interessiert, sondern an differenzierten Informationen, die auch den Stand des Nichtwissens berücksichtigen. Vielleicht müsste mit den Bürgern auch ein Dialog darüber geführt werden, gegen welche Risiken sie sich wie gut absichern wollen – dies auch im Hinblick auf konkurrierende Katastrophen und beschränkte Ressourcen.

Dialog um Sicherheitsbedürfnisse

Eine solche Partizipation könnte bedeuten, dass die Bevölkerung mitredet bei der Frage, wie viel Pandemie-Impfstoff der Staat einkaufen soll. Braucht es bei einer gewissen Risikosituation eine 100-Prozent-Garantie, oder wäre weniger Sicherheit vertretbar? Um solche Fragen zu beantworten, braucht es eine klare Vorstellung vom Konzept des Risikos. Dieses hat mehr mit Wahrscheinlichkeiten denn mit Sicherheiten und Wahrheiten zu tun. Weil ein Grossteil der Bevölkerung damit Mühe bekundet, müsste dieses Verständnis aber erst gefördert werden. Auch dazu könnte die Pandemie Anstoss sein.

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